Über meine Bilder

Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, sagt Paul Klee in seiner „Schöpferischen Konfession“ im Jahre 1920. Diese Definition Klees ist für mich in der Schönheit ihrer Kürze, ihrer Eleganz, ihrer Kraft der Veranschaulichung, und auch in ihrer allgemeinen Gültigkeit nicht zu übertreffen; und daher empfinde diese sprachliche Fassung dessen, was Kunst sei, selbst als gedankliches und sprachliches Kunstwerk.

Dieser Definition folgend beginnt Kunst für mich also dort, wo mich das Objekthafte in dem Sichtbaren eines Bildes auf etwas Unsichtbares verweist, wo also sichtbare Formen und Farben auf einer Bildfläche in meiner Wahrnehmung metaphorische oder gleichnishafte Qualität annehmen und Unsichtbares, Ideenhaftes vor dem eigenen inneren Auge erstehen lassen. Und, um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses Erstehen von Ideenhaftem vor dem inneren Auge des Betrachters ist dann eben sehr viel mehr als ein einfaches Erkennen von bildlich dargestellten Objekten, es ist in sich selbst ein echter schöpferischer Akt des Betrachters, indem dieser sich, angeregt und in einer Art innerer Resonanz, an Gesehenes, Gehörtes, Gedachtes, Gefühltes erinnert und dieses in sich selbst als ganz reale Wahrnehmung wachruft. Es entsteht in dem Betrachter durch ein Resonanzverhältnis mit dem Bild eine für andere unsichtbare Welt aus Empfindungen und Gedanken, die für ihn so wirklich sind wie Erinnerungen an tatsächlich Erlebtes. Einfach ausgedrückt, sage ich deshalb, dass Kunst im einzelnen Betrachter Erinnerungsbilder wachruft, in jedem Betrachter jeweils ureigene, bei mehreren Betrachtern vielleicht ähnliche oder sogar sehr ähnliche, niemals jedoch ganz identische. Das betrachtete Bild selbst wirkt nur als Weckruf für diese Erinnerungen. Goethe drückte dies aus, indem er sagte: „Wir sehen nur, was wir kennen.“ Was ein Bild in einem Betrachter auszulösen vermag, hängt also von zwei wesentlichen Bedingungen ab:

  • Erstens wirken mögliche Erinnerungsanlässe innerhalb der Formen- und Farbensprache des Bildes,
  • die zweitens auf ein vorhandenes Erkennens- und Erinnerungspotential im Betrachter treffen, wenn Erinnerungen wachgerufen werden in der Form von inspirierender innerer Resonanz.
  • Nur wenn und wo diese beiden genannten Bedingungen hinreichend erfüllt sind, kann Resonanz und Verständigung unterschiedlich intensiver Art und Ausprägung zwischen Bild und Betrachter entstehen. Wo nicht, bleibt ein Betrachter unberührt, kalt distanziert, verständnislos.

Nun würde vielleicht jemand fragen, ob es nicht anmaßend und ob es nicht überhaupt illegitim sei, im Zusammenhang mit Fotografie über Kunst nachzudenken oder gar zu reden. Und ich würde dann zurückfragen, ob das nicht von der subjektiv von einem Menschen tatsächlich wahrgenommenen Wirkung eines Bildes oder einer Fotografie abhängig sei. Könne denn die Wirkung eines Bildes oder einer Fotografie auf einen Menschen nicht immer nur subjektiv sein – weil nämlich die innere Wirkung nur auf einem Fundament eines persönlich erworbenen und verfügbaren Erfahrungsschatzes aufbauen könne, das heißt auf einem ganz und gar persönlichen Erinnerungspotential. Und weiter würde ich argumentieren, dass es ohne diesen Unterbau eines Erinnerungs-Fundaments wohl Wahrnehmung gäbe, sie aber bedeutungslos bliebe, und dass derartiges Gesehenes fremd und unverständlich bleiben müsse. Und deshalb, so würde ich begründen, könnten Menschen auch nicht darüber streiten, ob ein Bild Kunst sei oder doch nur eine dokumentarische Abbildung irgendeiner Realität. Wo in einem einzigen Betrachter innere Resonanz jenseits der reinen Objekterkennung entstehen könne, sei es Kunst für diesen einen Betrachter, auch wenn die ganze übrige Welt mit dem Bild weiter nichts anfangen könne. Und abschließend würde ich resümieren, dass Kunst immer Kunst für Einzelne sei, auch wenn es viele Einzelne seien, und dass Kunst nie Kunst sein könne für alle, und schon überhaupt niemals mit identischer Wirkung auf alle.

Nun taucht für mich hier eine Frage danach auf, ob das soeben Gesagte für alle Kunst gelten kann, also auch für Literatur und Dichtung, für Musik, für das Theater, für Architektur … etwa für alles, was wir als ästhetisch schön oder ansprechend empfinden können. Und falls das Gesagte gelten könne, was dann jenseits aller Form- und Gattungsunterschiede zwischen den Künsten ganz eigentlich das Große Gemeinsame aller Kunst sei. Ob es grundsätzlich das Berührtsein und geistige Mitschwingen des wahrnehmenden Menschen während eines inneren Resonanzerlebnisses mit einem Kunstwerk sei, also letztlich ein geistiges Harmonieereignis mit dem hinter dem Kunstwerk stehenden schöpferisch wirkenden Menschen, dem Künstler? Und, Ja, wäre dann meinen Antwort, ein inneres Resonanzverhältnis zwischen Kunstwerk und einem wahrnehmenden Menschen würde ich als wesentliches Merkmal jedes Kunstwerkes ansehen. Danach wäre Kunst so etwas wie Magie, ein Zauber, der den Betrachter erreicht und zu einem inneren Erlebnis mitnimmt. Danach könne dann für mich beispielsweise ein Bild nachts in einem leeren Museum auch kein wirklich reales Kunstwerk sein, es könne ja nicht als Kunstwerk wirken, sondern es könne Kunstwerk nur sein in direkter Kommunikation mit einem Betrachter indem es in diesem die besagte Resonanz auslöse. Ist eine Beethoven-Sinfonie, die rein technisch in einer menschenleeren Wüste ertönt ein Kunstwerk, oder ist sie dies erst dadurch, dass sie in menschlichen Zuhörern ihren Zauber entfaltet?

Nun stelle ich die Frage, ob es wirklich das Bild selbst sei oder, wie in unserem letzten Beispiel die Musik, die in einem wahrnehmenden Menschen, einen Zauber erschaffe? Oder ob das Bild das Erschaffen des Zaubers nur auslöse, der Zauber selbst aber ein reflektiv-kreativer Akt des wahrnehmenden und durch Wahrnehmung angeregten Geistes selbst sei. Und ob nicht der wahrnehmende und angeregte Geist das Kunstwerk im Gehirn durch synchrones Mitschwingen erst selbst herstellt, zumindest aber tätig nachvollzieht. Würden, falls ich diesen Gedanken folgte, nicht Künstler und Betrachter zumindest im Geiste einen sehr ähnlichen Prozess absolvieren, der Künstler aktiv wahrnehmend und fühlend und konkret vollziehend, der Betrachter ebenso aktiv wahrnehmend, nachfühlend und konkret nachvollziehend?

Als Welt-Fotografierender finde und beobachte ich mich regelmäßig in einer fast identischen Situation wie als Bild-Betrachtender, mit dem geringen aber wesentlichen Unterschied, dass mir beim Fotografieren nicht ein einzelnes klar begrenztes Einzelbild vor Augen steht, sondern ein Strom aus einem stetig fortlaufenden, also filmartigen Kontinuum von unendlich vielen in Raum und Zeit nicht klar begrenzten Einzelbildern. Um nun aus diesem diffusen Bilder-Kontinuum räumlich und zeitlich begrenzte Einzelbilder herauszudestillieren, schwimme ich sozusagen mit dem Strom der an mir vorüberziehenden Bilder, lasse mich mittreiben und kann dann in einer eher kontemplativen Gestimmtheit intuitiv jene Einzelbilder finden und auch technisch herstellen, die mir einen Teil des Wesens jener bewegten äußeren Welt innerlich sichtbar machen. Meist empfinde ich, dass nicht ich aktiv die Einzelbilder finde, sondern dass in dem Strom der vorüberziehenden Bilder spontan manche Einzelbilder mich finden und in mir Resonanz erzeugen. Dann veranlasst etwas in mir, den Auslöser der Kamera zu betätigen – ganz intuitiv – und so entstehen meine Bilder.

Und ihre Wirkung soll nach meinem Wunsch darin bestehen, dass sie nicht antwort-gebende Konsumgüter, nicht reine Abbildungen objekthafter Realität sein wollen, sondern dass sie visuell anregende Weckrufe sein wollen für spontan entstehende Inspiration im Geiste des Betrachters. Der Betrachter darf beim Schauen selbständig beginnen zu fühlen, zu denken, sich eine bildlich-geistige Welt zu zaubern. Wenn und wo dies einigen meiner Bilder gelingt, da mache ich damit möglicherweise jene Verzauberung sichtbar, mit der mich hier und dort die äußere Welt beglückt.

Ihnen als Betrachterin und Betrachter wünsche ich angemessene Muße beim Schauen.

Matthias Thomsen

 

3 thoughts on “Über meine Bilder

  1. Lieber Matthias,
    ich komme dieses Mal mit einer Frage zu dir. Bist du damit einverstanden, wenn ich einen link zu deiner Seite auf meine homepage setze? Du weißt ja, dass ich deine Bilder sehr schätze. Ich würde mich sehr über deine Zustimmung freuen!

    Ich bin immer noch ein wenig traurig darüber, dass ich keinen Weg zu TGE gefunden habe. Ich habe zwar meine Mitgliedschaft verlängert, schaue aber sehr selten hinein…. ein weites Feld.

    Ich hoffe, dir geht es gut und dass dir das BILDERMACHEN weiterhin Freude bereitet!

    Liebe Grüße
    Reiner

    • Lieber Reiner,

      aber sehr gerne kannst du einen Link von deiner HP auf meinen Blog setzen. Ich werde es dann auch umgekehrt machen, finde deine Philosophie und deine Bilder sehr inspirierend.
      TGE ist auch NICHT MEHR meins: Ich fühle, dass ich mich bewege und entwickle, TGE mag da nicht mit. Ist für mich in Ordnung …

      Liebe Grüße,
      Matthias

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>